Radikale Ehrlichkeit in der Führung: Warum Zuversicht ohne Wahrheit nur ein Maskentanz ist
Hand aufs Herz: Haben Sie in Krisenzeiten schon einmal versucht, Zuversicht auszustrahlen, während im Hintergrund eigentlich alles in Flammen stand?
Letzte Woche saß ich in einem Workshop. Die Situation war angespannt: 20 Teilnehmende, eine Führungskraft, die erst seit Kurzem an Bord war, und eine drohende Restrukturierung im Nacken.
Die Stimmung im Raum war eine gefährliche Mischung aus Verzweiflung und einem demonstrativen, fast krampfhaften „Wir-gehören-zusammen“-Modus. Es war ein klassischer Schutzmechanismus. Da es keine klaren Ziele und keine Vision gab, flüchtete sich das Team in eine emotionale Wagenburg.
Am Ende des ersten Tages sagte die Führungskraft zu mir: „Ich muss morgen einfach mehr Zuversicht zeigen.“
Meine Antwort war direkt: „Nein. Sie müssen aufhören zu tanzen.“
Der Maskentanz der falschen Hoffnung
Was in diesem Raum fehlte, war nicht ein Lächeln oder ein optimistischer Ausblick der Führungskraft. Es war die radikale Ehrlichkeit. Wenn ein Team keine messbare Leistung mehr erbringt und die eigene Daseinsberechtigung im Unternehmen wackelt, ist verordnete Zuversicht wie ein bunter Anstrich auf einer maroden Brücke.
Jeder im Raum – und besonders Menschen wie „Martin“, die als Entscheider Verantwortung tragen – spürt die Inkongruenz. Man riecht es, wenn die Worte nicht zur Realität passen. Dieser „Maskentanz“ zerstört das Letzte, was in der Krise noch Halt gibt: die Glaubwürdigkeit.
Echte Orientierung entsteht nicht durch falsche Hoffnung, sondern durch einen klaren Stand. Wir müssen den Mut haben, die Dinge beim Namen zu nennen, denn:
In tragfähigen Beziehungen vertrauen wir auch im Konflikt.
Das Team braucht in einer solchen Phase keine „Wohlfühl-Spritze“. Es braucht die Sicherheit, dass die Führungskraft die Wahrheit ausspricht – auch wenn sie wehtut. Radikale Ehrlichkeit ist hier kein Mangel an Wertschätzung, sondern die höchste Form davon.
Drei Schritte aus dem Maskentanz:
- Den Status Quo benennen: „Wir erbringen aktuell keine messbare Leistung, die unseren Fortbestand sichert.“
- Die Konsequenz aufzeigen: „Wenn wir so weitermachen, hat dieser Platz keine Zukunft.“
- Den Raum für Entwicklung öffnen: „Dies ist kein guter Ort, um so zu bleiben, wie wir sind. Aber es ist ein Startpunkt für etwas Neues.“
Erst wenn die Masken fallen, entsteht der Boden, auf dem echte Zusammenarbeit wachsen kann. Alles andere ist Zeitverschwendung auf Kosten der Existenz.
Wie viel Maskentanz erleben Sie gerade in Ihrem Umfeld? Trauen Sie sich, den Konflikt zu nutzen, um die Tragfähigkeit Ihrer Beziehungen zu prüfen?
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Wissenschaftliche Basis dieses Ansatzes ist Radical Candor (Kim Scott):
Das Modell basiert auf zwei Achsen: Care Personally (Persönliche Wertschätzung) und Challenge Directly (Direkte Herausforderung). Scott belegt, dass „Ruinous Empathy“ (zerstörerische Empathie) – also das Verschweigen der Wahrheit, um Gefühle zu schonen – die schlechteste Form der Führung ist.

